„Meine Töchter wollen nichts mehr von mir wissen“

Philipp, 48, wurde nach seiner Scheidung als Vater entsorgt. Seit sechs Jahren lehnen seine Töchter Friederike, 19, und Emilia, 17, jeden Kontakt zu ihm ab. Er vermutet, dass seine Ex-Frau dahintersteckt. Wie er mit dem Verlust lebt.

Es war ein echter Magenschwinger, als Emilia mir vor sechs Jahren erklärte: „Ich wollte dir schon immer sagen, ich mag dich nicht mehr, und wir wollen dich nicht mehr in unserem Leben haben!“ Und dann zornig davonstapfte. Ich habe das Bild heute noch vor Augen, als wäre es gestern gewesen. Ich weiß sogar den Tag und die Uhrzeit. Dabei hatte ich so sehr gehofft, dass es meiner Ex-Frau und mir nach der Trennung vor neun Jahren gelingen würde, den beiden Mädchen das Schlimmste zu ersparen. Wir waren deshalb auch gemeinsam bei der Erziehungsberatung.

Es half nichts.

Ich wurde ganz schnell und konsequent nicht nur aus dem Leben meiner Kinder verdrängt, ich wurde von ihrem Leben abgeschnitten. Ich hatte keine Chance. Väter haben keine Lobby, rechtliche Mittel gibt es auch nicht. Heute sind die Mädchen groß. Friederike hat gerade Abitur gemacht. Ich war natürlich zur Feier und Zeugnisübergabe nicht eingeladen. Ich darf nur noch zahlen. Mehr ist nicht erwünscht. Ich hätte das Besuchsrecht gerichtlich durchsetzen können. Doch da die Mädchen offiziell von sich aus den Kontakt ablehnten, wäre immer jemand vom Jugendamt dabei gewesen, wie bei Besuchszeiten im Knast. Das wollte ich uns allen drei ersparen. Mittlerweile habe ich die Einstellung: Wenn ihr nicht wollt, dann muss ich mein Leben ohne euch leben. Seither rede ich mir auch ein, dass es nicht mehr weh tut.

Es war im Frühjahr 2003, als ich mich entschied, mich nach jahrelangen Beziehungsproblemen von meiner Frau zu trennen. Anja war noch nie ein Freund vieler Worte. Sie rief die Kinder, damals zehn und acht Jahre alt, ins Wohnzimmer- ohne Vorankündigung, worum es ging. Friederike kam an den Tisch und sagte: „Ich will aber nichts Schlimmes hören.“ Worauf ihre Mutter ohne Vorwarnung oder Einführung sagte: „Doch, Papa verlässt uns, er zieht aus unserem Haus aus.“ Friederike schluchzte laut auf, Emilia ist tough, wollte sich nichts anmerken lassen.

Das war der schlimmste Moment in meinem Leben.

Und dann kam noch: „Papa mag ja keine Haustiere, aber wenn er jetzt auszieht, kann jede von euch ein Meerschweinchen haben.“ Beim Auszug sagte sie zum Abschied: „Und damit du es gleich weißt, wenn du deinen Verpflichtungen nicht nachkommst, werde ich dafür sorgen, dass die Mädchen dich hassen.“ Selbstverständlich habe ich gezahlt. Es sind ja meine Kinder. Aber sie hat trotzdem dafür gesorgt, dass die Mädchen mich verachten.

Im Sommer 2003 wollten beide mit mir an den Gardasee in den Urlaub fahren. Ich hatte alles gebucht, und wir freuten uns auf die gemeinsame Zeit. Wenige Wochen vor der Abreise sagte Anja, dass die Mädchen nicht mit mir fahren wollten. Ich hoffte so sehr, dass die schwierige Phase mit Geduld und Liebe vorübergehen würde.

Doch das Gegenteil trat ein. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte, sie lehnten mich immer mehr ab.

Sie wollten dann auch nicht mehr bei mir übernachten. Sie kämen ab sofort nur noch tagsüber, erklärte meine Ex-Frau, die immer mehr stellvertretend für die Kinder sprach. Das fiel mir aber erst viel später auf. Am ersten Weihnachten nach der Trennung durfte ich noch einmal mitfeiern. Große Geschenke wünschten sich die Kinder. Nach der Bescherung wurde ich gebeten, wieder zu gehen.

Kapitulation aus Selbstschutz

Ich erinnere mich noch gut an eine Begebenheit, die zu einem Schlüsselerlebnis wurde. Auf Friederikes und Emilias Weg zur Schule gibt es ein Eiscafé. Ich saß oft dort und habe darauf gewartet, die Kinder wenigstens beim Vorbeifahren sehen zu können. Ich wollte wissen, ob sie schwatzen und lachen, ob sie ernst und schweigsam nebeneinander gehen oder radeln. Eines Tages habe ich Emilia abgepasst und sie gebeten, mit mir ein Eis zu essen. Ich schlug ihr vor, dass wir wieder einmal etwas gemeinsam unternehmen. Nach langem Zögern entschied sie sich für einen Besuch im Tierheim. Sie sollte mich anrufen, wann es ihr zeitlich passt. Nach mehr als drei Wochen traf ich sie wieder. Sie hatte sich nicht gemeldet.

Auf meine Frage „Warum?“ antwortete sie schnippisch: „Du musst dich nicht mehr darum kümmern. Wir waren schon mit Mama dort.“

Ich war völlig geschockt. Ein anderes Mal habe ich die Mädchen auf dem Schulhof gefragt, wie es ihnen geht. Kaum waren sie zu Hause, rief schon meine Ex-Frau an. Sie war außer sich, was mir einfallen würde, die Kinder in ihrem heiligen Bereich – so nannte sie es – zu stören. Ich bin fest davon überzeugt, dass sie die Kinder instrumentalisiert hat.

Ich bin ein richtiger Familienmensch und habe ein ganz enges Verhältnis zu meinen Eltern und Geschwistern. Friederike und Emilia haben auch jeglichen Kontakt zu ihnen und ihren Cousins abgebrochen. Es wirkt manchmal auf mich, als sei alles und jeder, der mit mir in Beziehung steht, wie verteufelt.

Ich habe bis Ende 2008 alles getan, was mir möglich war. Habe gebettelt, gekämpft und gelitten wie ein Hund. Ich habe Briefe und Karten geschrieben, Fragen schriftlich gestellt. Manchmal denke ich: Vielleicht haben sie die Briefe gar nicht bekommen? Irgendwann habe ich, sicher auch aus Selbstschutz, kapituliert. Null Kontakt mehr. Bis auf eine halbe Stunde im Mai 2012, als wir uns wegen Unterhaltszahlungen vor Gericht gegenüberstanden.

Einmal, es war 2010, kam eine Freundschaftsanfrage von Emilia über Facebook. Die habe ich natürlich sofort bestätigt und mich gefreut. Dabei blieb es dann allerdings. Die Folge war, dass meine Ex-Frau im nächsten Prozess ein Album mit zum Teil acht und neun Jahre alten Fotos präsentierte, die meinen Lebensstil dokumentieren sollten. Diese Fotos, zum Beispiel Urlaubsbilder, hatte ich in mein Facebook-Profil gestellt. Ich war völlig geschockt, dass sie wirklich vor nichts zurückschreckt, auch nicht vor der Ausnutzung der Privatsphäre.

Fakt ist: Die Beziehung zu meinen Kindern ist kaputt.

Manchmal stelle ich mir allerdings vor, sie stünden plötzlich vor meiner Tür. Ich glaube, ich könnte keine intensiven Gefühle mehr empfinden. Aber vielleicht ist das auch nur ein Schutz für mich – aus Angst, es könnte wirklich mein Leben lang alles so bleiben, wie es jetzt ist.

Inzwischen lebe ich wieder entspannter. Ich habe keine Albträume mehr, kann wieder schlafen und ziehe viel Energie aus meinem Sport. Ich laufe und schwimme, fahre leidenschaftlich gern Mountainbike. Ich hätte das so gern mit meinen Mädchen gemacht. Dafür läuft und radelt jetzt Fritzi, die 14-jährige Tochter meiner neuen Lebensgefährtin mit. Das macht uns beiden viel Spaß, und ich kann es genießen.

Protokoll: Daniela Jannik


Focus.de


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"Wenn Unrecht zu Recht wird, wird WIDERSTAND zur Pflicht!"
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